{"id":19,"date":"2008-01-31T12:00:00","date_gmt":"2008-01-31T11:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hamburg.humanistische-union.de\/thema\/wach-schliessgesellschaft-deutschland\/"},"modified":"2021-08-30T15:44:45","modified_gmt":"2021-08-30T13:44:45","slug":"wach-schliessgesellschaft-deutschland","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/hamburg.humanistische-union.de\/thema\/wach-schliessgesellschaft-deutschland\/","title":{"rendered":"Wach- &amp; Schlie\u00dfgesellschaft Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Auf einer Vortragsveranstaltung der Humanistischen Union referierte die Kriminologin Daniela Klimke &Uuml;berlegungen zum Thema &#8222;Wach- &amp; Schlie&szlig;gesellschaft Deutschland&#8220; sowie Thesen zur &#8222;Integration und Desintegration in der neoliberalen Marktgesellschaft&#8220;<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/08\/HH20080130_wachundschliessgesellschaft-1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/HH20080130_wachundschliessgesellschaft-1-544x450.jpg\" alt=\"Wach- &amp; Schlie&szlig;gesellschaft Deutschland\" width=\"544\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/hamburg.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/08\/HH20080130_wachundschliessgesellschaft-1-544x450.jpg 544w, https:\/\/hamburg.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/08\/HH20080130_wachundschliessgesellschaft-1-408x337.jpg 408w, https:\/\/hamburg.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/08\/HH20080130_wachundschliessgesellschaft-1.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 544px) 100vw, 544px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p>Der Wahlkampf in Hessen fokussierte einmal mehr das Thema Sicherheit, weil objektive Probleme (z.B. im Bereich der Jugendkriminalit&auml;t) manchen Politikern geradezu als pr&auml;destiniert daf&uuml;r erscheinen, in Stimmungen und auf dieser Basis in populistische Vorschl&auml;ge umgesetzt zu werden. In sattsam bekannter Manier rufen diese Politiker nach sch&auml;rferen Gesetzen, als liege darin das Allheilmittel zur L&ouml;sung der Kriminalit&auml;tsprobleme. Eine n&uuml;chterne Sachdebatte ist kaum gefragt.<\/p>\n<p>Frau Dr. Daniela Klimke &#8211; Gesch&auml;ftsf&uuml;hrerin des Instituts f&uuml;r Sicherheits- und Pr&auml;ventionsforschung in Hamburg (ISIP) &#8211; zog anfangs einen grunds&auml;tzlichen Rahmen. Eine fortschreitende Neoliberalisierung der Verh&auml;ltnisse werde inzwischen offen beklagt. Es w&uuml;rden sich die Stimmen mehren, die von der Politik wieder eine st&auml;rkere &#8222;Orientierung an Ma&szlig;st&auml;ben sozialer Gerechtigkeit fordern. Zugleich aber w&uuml;rden drakonische Strafen f&uuml;r Verbrechen gefordert. Einschr&auml;nkungen der informationellen Selbstbestimmung mit Blick auf die Terrorgefahren werden hingenommen und vor dem Hintergrund gesch&ouml;pfter Sozialkassen Leistungsk&uuml;rzungen f&uuml;r richtig gehalten. Wie ist dieses Spannungsverh&auml;ltnis zu verstehen und wie wird der Umbau zur Marktgesellschaft gesellschaftlich durchgesetzt?<\/p>\n<p>Heutzutage scheinen wir geradezu umstellt von Risiken, die akut das Leben bedrohen. Die Verletzbarkeit der Subjekte ger&auml;t zum zentralen politischen Aktionsfeld. Gerade die vorgeblich bedrohte Innere Sicherheit bietet sich zur kollektiven Mobilisierung an, und zwar in Form der Beteiligung an der Sicherheitsherstellung bis hin zu moralischer Entr&uuml;stung, um sich gemeinschaftlich hinter der Regierung gegen die &#8222;Feinde der Gesellschaft&#8220; in Stellung zu bringen.<\/p>\n<h5><span id=\"Was_lernen_wir_aus_Hessen_und_den_Bundestagswahlkaempfen_1998_2002\">Was lernen wir aus Hessen (und den Bundes&shy;tags&shy;wahl&shy;k&auml;mpfen 1998, 2002)?<\/span><\/h5>\n<p>Mit stramm neoliberaler Politik, radikalen Freund-Feind-Parolen sind keine Mehrheiten zu gewinnen. Die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung favorisiert sozialstaatliche Konsensdemokratie. Diese Haltungen aber sollen im Rahmen der Neoliberalisierung von beiden gro&szlig;en Volksparteien aufgebrochen werden. Welche Hintergr&uuml;nde haben die Neoliberalisierung und die damit einhergehende fast zwingende Instrumentalisierung des Feldes der Inneren Sicherheit?<\/p>\n<p>R&uuml;ckblick: Bis ca. 1980 war die F&uuml;hrung von Menschen zwar aufwendig, aber recht leicht zu bewerkstelligen. Die so genannte Disziplinargesellschaft beruhte auch darauf, dass all ihre Mitglieder als Arbeitskr&auml;fte gebraucht wurden und dass es &ouml;konomisch aufw&auml;rts ging. Ziel war es also, alle Menschen zu integrieren, ob am unteren Rand, ob abweichend, auch kriminell &#8211; es ging um die Erziehung der Menschen zum rechtschaffenen Leben. Uns sind die Disziplinierungsinstitutionen wohlbekannt, auch heute noch: Familie, Schule, Beruf bis hin zum Gef&auml;ngnis &#8211; nur funktionieren sie heutzutage anders als ehemals. All diese Institutionen hatten das vorrangige Ziel ihre Z&ouml;glinge zur Anpassung an klare Normen und Werte zu erziehen. Heutzutage sprechen wir jedoch von einer &#8222;Individualisierung&#8220; der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Gesellschaftliche Wandlungsprozesse entstehen jedoch nie ohne Grund oder aus Lust und Laune. Jeder soziale Wandel beruht auf objektiv sich ver&auml;ndernden Gegebenheiten. Was ist also unterdessen geschehen, dass Normen und Werte flexibel sind und keine starren Vorgaben mehr bilden, an denen sich die Subjekte nur anzupassen brauchen? Das Stichwort habe ich eben bereits genannt: &#8222;Flexibilit&auml;t&#8220;. Flexibel muss heute alles und jeder sein, will er den neuen globalisierten Bedingungen entsprechen. Dieser Begriff umschreibt sowohl Strukturen, ob Unternehmens- oder Verwaltungsstrukturen, die m&ouml;glichst schlank sein sollen, um kurzfristig flexibel reagieren zu k&ouml;nnen. Er umschreibt aber ebenso die aktuelle Anforderung an die Menschen.<\/p>\n<h5><span id=\"Flexibilitaet_ist_gefordert\">&bdquo;Flexi&shy;bi&shy;lit&auml;t&ldquo; ist gefordert<\/span><\/h5>\n<p>Die Kultur des neuen Kapitalismus bringe, so zitiert die Referentin, einen anderen Menschentypus hervor. Vorbei sei die Zeit, als alles ziemlich berechenbar erschien, die berufliche Karriere, die Ehe usw., solange sich die Menschen nur an die vorgegebene Normordnung hielten und nicht deutlich ausscherten: Stattdessen ist heute das Leben br&uuml;chig geworden Soziologen sprechen von sog. &#8222;Patchwork-Biografien&#8220;, in denen sich viele kleine Lebensabschnitte einf&uuml;gen, ohne dass die einzelnen Lebensleistungen aufeinander aufbauen. Zeiten der Besch&auml;ftigung folgen oftmals Phasen der Arbeitslosigkeit; die Bildungszertifikate bestimmen nicht die Zukunft, au&szlig;er bei denen, die sie nicht besitzen; solide Qualifikationsstufen gibt es nicht mehr, stattdessen Quereinsteiger, Aussteiger usw.<\/p>\n<p>Es ist nicht mehr klar, was und wie etwas zu tun ist, um zum Erfolg oder auch zum pers&ouml;nlichen Gl&uuml;ck zu gelangen. Die Menschen leben in gro&szlig;er Unsicherheit, wenn sie nicht auf klare Erfolgsrezepte, letztlich auf klar definierte und g&uuml;ltige Normen zur&uuml;ckgreifen k&ouml;nnen, wie ihr Leben zu f&uuml;hren ist. Die grundlegende Gerechtigkeitsidee des Wohlfahrtsstaates, der bis in die 1980er Jahre reichte, ist br&uuml;chig geworden: Es ist die Vorstellung, dass f&uuml;r Leistung die entsprechende Belohnung zu erwarten ist. Heutzutage wird Leistung zunehmend durch Erfolg ersetzt. War Leistung ein Resultat individueller Anstrengung auf vorgegebenen Wegen, so ist Erfolg zuf&auml;llig, nicht berechenbar.<\/p>\n<p>Die globalisierten Finanzm&auml;rkte lassen Regierungen heutzutage nicht viel Spielraum zum Regieren. Die sog. &#8222;Politikverdrossenheit&#8220; spiegelt nichts anderes wider als den verbreiteten Eindruck, dass dort oben nicht viel passiert, und erst recht nicht das was sich das Volk von der Politik w&uuml;nscht. W&auml;hrend wir einem neoliberalen Umbau der sozial&ouml;konomischen Verh&auml;ltnisse ausgesetzt sind, in der politisch-medial die &#8222;soziale H&auml;ngematte&#8220; und die &#8222;Vollkaskogesellschaft&#8220; beklagt werden, h&auml;ngt die Bev&ouml;lkerung an alten Vorstellungen von gesellschaftlicher Integration und dem Leistungsgedanken. Diese grundlegenden, in besseren Zeiten kultivierten Gerechtigkeitsvorstellungen lassen sich nicht leicht aufbrechen und auf den Kurs der Marktgesellschaft bringen, in der nur der Cleverste durchkommt, w&auml;hrend die &Uuml;brigen auf der Strecke bleiben.<\/p>\n<p>Was lernen wir aus Hessen? Eben genau das: Die Bev&ouml;lkerung stemmt sich gegen den neoliberalen Wind der einem sowohl von SPD als auch CDU um die Ohren bl&auml;st. Gefordert wird Leistungsgerechtigkeit und wir bekommen stattdessen in Wahlk&auml;mpfen gerne eine gef&auml;hrdete Innere Sicherheit pr&auml;sentiert. Was macht das Thema der Kriminalit&auml;tsbearbeitung so lohnenswert f&uuml;r die Politik?<\/p>\n<h5><span id=\"1_Innere_Sicherheit_ist_eines_der_letzten_nationalstaatlich_regulierbaren_Felder\">1. Innere Sicherheit ist eines der letzten natio&shy;nal&shy;staat&shy;lich regulier&shy;baren Felder<\/span><\/h5>\n<p>W&auml;hrend EU-weit Desinflationspolitik vorgegeben ist, wodurch Investitionen in den sozialen Sektor ausgebremst werden, w&auml;hrend &uuml;berdies die Wirtschaft dereguliert wird, auf dass sie wachse &#8211; und sei es auch auf Kosten der Besch&auml;ftigten und sei es auch in den Niedriglohnl&auml;ndern &#8211; w&auml;hrend also den heutigen westlichen Regierungen die H&auml;nde gebunden sind, unter marktgesellschaftlichen Bedingungen zu regieren, verbleibt die Innere Sicherheit als sichere Bastion auf der nationalstaatlich &#8222;durchregiert&#8220; werden kann, wie es Bundeskanzlerin Merkel einmal formulierte. Hier kann Symbolpolitik betrieben werden, die anhand von Einzelf&auml;llen drakonische Gesetzesversch&auml;rfungen durchsetzt, u. a. sichtbar im Bereich des Sexualstrafrechts. Hier darf und soll man sich als Opfer f&uuml;hlen, und der Staat umsorgt seine Bev&ouml;lkerung kostensparend mit Gesetzesbeschl&uuml;ssen. Das Opfer ist zum repr&auml;sentativen Individuum geworden. Mit dem Opfer schwerer Kriminalit&auml;t identifiziert man sich, und dies umso mehr, je mehr man sich in seinen eigentlichen N&ouml;ten alleingelassen sieht.<\/p>\n<h5><span id=\"2_Kriminalitaet_eignet_sich_hervorragend_fuer_knackige_Parolen\">2. Krimi&shy;na&shy;lit&auml;t eignet sich hervor&shy;ra&shy;gend f&uuml;r knackige Parolen<\/span><\/h5>\n<p>Man denke etwa an &#8222;Hamburg &#8211; die Verbrecherhauptstadt&#8220; oder auch an die Worte unseres ehemaligen Kanzlers Schr&ouml;der &#8222;Wegschlie&szlig;en &#8211; und zwar f&uuml;r immer&#8220;, was nicht ohne Wirkung bleibt. Diese Parolen verbleiben &uuml;berwiegend im Rahmen symbolischer Politik, hinter der weniger konkrete Ma&szlig;nahmen stehen, die die Situation tats&auml;chlich verbessern w&uuml;rden, als vielmehr die Erwartung seitens der Politik, hiermit Eindruck auf das Publikum, n&auml;mlich das Wahlvolk zu machen. Moralfragen, zu der Kriminalit&auml;t und ihre Bestrafung gemacht werden, eignen sich besonders gut, um Einigkeit herzustellen und zu verdichten Wer w&auml;re nicht etwa gegen das B&ouml;se?! Wagt es jemand gegen eine derart populistische Kriminalpolitik Argumente ins Spiel zu bringen, und diese Stimmen werden leiser, so wird derjenige mit gro&szlig;er Sicherheit auf die Seite der Amoral, der gef&auml;hrlichen Verharmloser gekippt. Innere Sicherheit ist dann ein Thema, dessen Bearbeitung nur noch in eine Richtung weist: Strafen rauf!<\/p>\n<h5><span id=\"3_In_der_Kriminalitaetsbearbeitung_lassen_sich_die_neoliberalisierte_Regierungsmechanismen_durchspielen\">3. In der Krimi&shy;na&shy;li&shy;t&auml;ts&shy;be&shy;a&shy;r&shy;bei&shy;tung lassen sich die neoli&shy;be&shy;ra&shy;li&shy;sierte Regie&shy;rungs&shy;me&shy;cha&shy;nismen durch&shy;spielen<\/span><\/h5>\n<p>St&ouml;&szlig;t die Politik ansonsten auf den Widerstand einer Bev&ouml;lkerung, die noch die alten Zeiten der Gerechtigkeit, des Gemeinwohls usw. hochhalten, ist ein teilweiser Umbau der Verh&auml;ltnisse in Richtung Marktgesellschaft anhand des Themas Innere Sicherheit zu bewerkstelligen. Nichts kann die Funktionsmechanismen der heutigen &Ouml;konomie besser verdeutlichen als die strafende Reaktion auf Kriminalit&auml;t: &#8222;Wer nicht h&ouml;ren will, muss f&uuml;hlen.&#8220;<\/p>\n<p>Wer also nicht bereit oder in der Lage ist, unter den gegebenen Verh&auml;ltnissen zu &uuml;berleben, der hat nichts oder eben Hartz IV zu erwarten. Es ist in das Geschick des Einzelnen gestellt, sich in die Gegebenheiten zu f&uuml;gen oder aber mit Sanktionen zu rechnen. Eine &Auml;nderung oder gar ein Widerstand gegen die Wirtschaftsverh&auml;ltnisse ist nahezu verunm&ouml;glicht &#8211; sowohl individuell als auch auf der Ebene der Politik wird die durchgehende &Ouml;konomisierung s&auml;mtlichen sozialen Handelns geradezu als Schicksal hingenommen. Gerade die hilflosen Ma&szlig;nahmen des Mindestlohns oder der Konsumverweigerung f&uuml;r Nokia-Ger&auml;te verdeutlichen das geringe Widerstandspotential dessen man sich bedienen mag, um der Sph&auml;re der &Ouml;konomie etwas entgegen zu setzen.<\/p>\n<p>Und nicht nur, dass es kaum M&ouml;glichkeiten des Widerstands gibt. &Uuml;berdies tr&auml;gt auch noch jeder pers&ouml;nliche Verantwortung an seinem Lebensgeschick. Soziale Bedingungen von misslungenen Lebensentw&uuml;rfen scheiden inzwischen ziemlich kategorisch als Erkl&auml;rung aus. Vorbei die Zeiten, als sich aus diesen Misserfolgen zwangsweise die Frage ergab, was auch der Staat vers&auml;umt hat, dass es dazu kam. Heutzutage lebt man ziemlich frei von sozialen Bez&uuml;gen und gibt stattdessen dem Verlierer selbst die Schuld an seiner misslichen Lage. Er selbst hat es offenbar nicht anders gewollt, hat die Chancen einfach nicht genutzt, die sich auch ihm darboten.<\/p>\n<p>Beide Unterwerfungsmechanismen der Neoliberalisierung, die wir so willf&auml;hrig hinnehmen &#8211; die Unab&auml;nderlichkeit sozialer Bedingungen von Abweichung bzw. Misserfolg und damit deren Ignoranz als auch die Festlegung auf die pers&ouml;nliche Schuld &#8211; finden wir exemplarisch im Bereich der Kriminalit&auml;tsbearbeitung. Die Ursachensuche in den sozial-&ouml;konomischen Bedingungen von Kriminalit&auml;t wurde aufgegeben. Statt auf diese sozialen Bedingungen von Abweichung &#8211; die kostenaufwendige Ma&szlig;nahmen des Disziplinarstaates nach sich ziehen m&uuml;ssten -, fokussiert sich die Kriminalpolitik allein auf die Seite der Reaktion durch Strafe.<\/p>\n<p>Dies wird mit einem &ouml;konomischen Denken legitimiert, das jedem Handelnden unterstellt, nach Kosten-Nutzen-Kalk&uuml;len zu entscheiden. Die negativen Sanktionen m&uuml;ssen also nur hoch gesetzt werden, um Druck zum erw&uuml;nschten Verhalten zu erzeugen &#8211; so die vorherrschende Meinung. Damit verschiebt sich jedoch der Schwerpunkt des Regierens von der Erziehung zu normgerechtem Verhalten &#8211; wie ehemals in der so genannten Disziplinargesellschaft, in der es um die Herstellung innerer Konformit&auml;t ging -, hin zur blo&szlig;en &auml;u&szlig;eren Kontrolle von Verhalten, um abzuschrecken und zu sanktionieren. Es ist eine Entwicklung hin zur Kontrollgesellschaft.<\/p>\n<h5><span id=\"4_Auch_Kriminalitaetsopfer_handeln_in_Selbstfuehrung\">4. Auch Krimi&shy;na&shy;li&shy;t&auml;ts&shy;opfer handeln in &bdquo;Selbst&shy;f&uuml;h&shy;rung&ldquo;<\/span><\/h5>\n<p>Nicht nur der Rechtsbrecher wird als ein Individuum gesehen, das nach Kosten-Nutzen-Erw&auml;gungen, eben &ouml;konomisch handelt, sondern auch ein gro&szlig;er Teil der Kriminalit&auml;tsopfer. Zumindest f&uuml;r den Bereich der Alltagskriminalit&auml;t ist auch jeder selbst verantwortlich, sich entsprechend zu sch&uuml;tzen. Die Polizei kann nicht &uuml;berall sein, stattdessen zieht sie sich auf ihre so genannten Kernaufgaben zur&uuml;ck.<\/p>\n<p>Daneben m&uuml;ssen private Akteure her: private Sicherheitsdienste z.B., aber auch der B&uuml;rger. Nicht der Staat regelt die Angelegenheiten f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung. Die Menschen selbst m&uuml;ssen eben auch aufpassen, dass ihnen nichts passiert. In dem Ma&szlig;e, wie Kriminalit&auml;t als Resultat von Kosten-Nutzen-Abw&auml;gungen konzeptualisiert wird, kann auch der B&uuml;rger in die Pflicht genommen werden sich entsprechend zu verhalten.<br \/>Auch die Mahnung zur Zivilcourage verdeutlicht nichts anderes, als dass die B&uuml;rger gef&auml;lligst auf sich selbst und auf seine Mitmenschen aufpassen sollen. Die &#8222;Aktion wachsamer Nachbar&#8216;, die die Hamburgische Polizei auf Aufkleber drucken lie&szlig;, ist so eine Ma&szlig;nahme, deren Ursprung in den USA liegt.<\/p>\n<p>Mit Feinderz&auml;hlungen lassen sich diese ansonsten stabilen Sicherheitsdispositionen f&uuml;r neue kriminalpolitische Strategien &ouml;ffnen. Einfallstore f&uuml;r eine neoliberalisierte Risikopolitik k&ouml;nnen beispielsweise mit den Figuren des Kindersch&auml;nders und des fremden Terroristen hergestellt werden. Sie haben den strategischen Vorteil, eine gro&szlig;e Opferidentifikation hervorzurufen, mit der wohlfahrtsstaatliche Vorstellungen einer sozialen Bedingtheit und resozialisierenden Behandlung von Kriminalit&auml;t leicht aufgebrochen werden zugunsten eines imaginierten sozialen Reinheitszustandes &uuml;ber r&uuml;ckhaltlosen Ausschluss gesellschaftlicher Feinde. Damit entfalten diese Figuren die &Uuml;berzeugungskraft, mit der ein Sicherheitsstrafrecht installiert werden kann. <br \/>Einstweilen aber k&ouml;nne Entwarnung gegeben werden: Kriminalit&auml;t geh&ouml;re zum politischen und medialen Dauerbrenner, und auch die Bev&ouml;lkerung errege sich moralisch &uuml;ber diese Feindfiguren, aber ein individuelles, lebensweltliches Problem &sbquo;Innere Sicherheit&#8216; g&auml;be es bislang nicht.<\/p>\n<p><i>C.F. (mit Ausz&uuml;gen aus dem Manuskript der Referentin)<\/i><\/p>\n<p>Kategorie: Hamburg: Veranstaltungsberichte<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"class_list":["post-19","thema","type-thema","status-publish","hentry"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wach- &amp; Schlie\u00dfgesellschaft Deutschland - HU Hamburg<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/hamburg.humanistische-union.de\/thema\/wach-schliessgesellschaft-deutschland\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Wach- &amp; Schlie\u00dfgesellschaft Deutschland - HU Hamburg\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Auf einer Vortragsveranstaltung der Humanistischen Union referierte die Kriminologin Daniela Klimke &Uuml;berlegungen zum Thema &#8222;Wach- &amp; 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