{"id":96,"date":"2008-01-30T12:00:00","date_gmt":"2008-01-30T11:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hamburg.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/wach-schliessgesellschaft-deutschland-sicherheitsmentalitaeten-in-der-spaetmoderne\/"},"modified":"2008-01-30T12:00:00","modified_gmt":"2008-01-30T11:00:00","slug":"wach-schliessgesellschaft-deutschland-sicherheitsmentalitaeten-in-der-spaetmoderne","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/hamburg.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/2008\/wach-schliessgesellschaft-deutschland-sicherheitsmentalitaeten-in-der-spaetmoderne\/","title":{"rendered":"Wach- &amp; Schlie\u00dfgesellschaft Deutschland. Sicherheitsmentalit\u00e4ten in der Sp\u00e4tmoderne"},"content":{"rendered":"<p><b>\u00d6ffentlichen Vortrags- und Diskussionsveranstaltung<br \/>mit Dr. Daniela Klimke<\/b><\/p>\n<p>Heutzutage scheinen wir geradezu umstellt von Risiken, die akut das Leben bedrohen. Die Verletzbarkeit der Subjekte ger\u00e4t zum zentralen politischen Aktionsfeld. Gerade die bedrohte Innere Sicherheit bietet sich zur kollektiven Mobilisierung an, und zwar in Form der Beteiligung an der Sicherheitsherstellung bis hin zu moralischer Entr\u00fcstung, um sich gemeinschaftlich hinter der Regierung gegen die Feinde der Gesellschaft in Stellung zu bringen.<br \/>Alltagskriminalit\u00e4t erscheint als Risiko, dessen private Bew\u00e4ltigung im Rahmen der Selbstvorsorge auch Laien abverlangt werden kann. Es bestehen dar\u00fcber hinaus Initiativen, Kriminalit\u00e4t als Gemeinschaftssache, mithin als Problem kollektiver Betroffenheit zu rahmen, an dessen L\u00f6sungsstrategien sich B\u00fcrger gemeinsam mit staatlichen Sicherheitsvertretern beteiligen k\u00f6nnen. Kriminalit\u00e4t gesellt sich damit zu einer ganzen Reihe anderer individualisierter Pr\u00e4ventionsaufgaben, die im Bereich der Daseinssicherung angesiedelt sind.<\/p>\n<p>&#8222;Das B\u00f6se&#8220; gewinnt mit dem Biologismus an Bedeutung, das ein Verst\u00e4ndnis innerer pr\u00e4determinierter Gef\u00e4hrlichkeit suggeriert. Die Behandlung des Problems wird \u00fcber (technische) Kontrolle der Gefahren geleistet, v.a. durch das Wegsperren der Risikotr\u00e4ger hinter sicheren Gef\u00e4ngnismauern. Wenn die sozialen Bedingungen von Kriminalit\u00e4t vernachl\u00e4ssigt werden, dann schnellen die Gefangenenraten in die H\u00f6he. Diese Ausschlie\u00dfungspolitik beruft sich auf eine rationale, an Risikopotenzialen orientierte Kriminalit\u00e4tskontrolle. Zugleich schl\u00e4gt sie politisches Kapital aus dem unnachgiebigen Wegschluss.<\/p>\n<p>Die Instrumentalisierung der Kriminalit\u00e4t kann als ein Versuch verstanden werden, ein St\u00fcck von der staatlichen Souver\u00e4nit\u00e4t zur\u00fcck zu gewinnen, die im Zuge der globalen \u00f6konomischen Macht\u00fcbernahme verloren gegangen ist. Doch nicht nur l\u00e4sst sich mit der unnachgiebigen Exklusion gesellschaftlicher Feinde die &#8222;Krise der Regierung&#8220; (Michel Foucault) verdunkeln, sondern ebenfalls die Bedr\u00e4ngnisse der postmodernen Lebensf\u00fchrung abfedern. Eine partielle Umkodierung von Risiko auf Gefahr im Bereich der gef\u00e4hrlichen Kriminalit\u00e4t entlastet von sp\u00e4tmodernen Anforderungen an die Subjekte und verspricht soziale F\u00fcrsorge.<\/p>\n<p>Der Viktimismus entsch\u00e4rft die pers\u00f6nlichen Risikozumutungen. Er hebt die Vereinzelung individueller Selbstsorge zugunsten einer Gemeinschaft von Betroffenen auf &#8211; auch wenn sie nur als gedachtes Kollektiv aus gef\u00fchlten und potenziellen Opfern besteht. Gemeinsame Feinde k\u00f6nnen als essentiell Andere betrachtet werden, die durch eine moralische Schneise von Gut und B\u00f6se von der vorgestellten Gemeinschaft sicher geschieden sind. Atavistische Rachsucht und Vergeltung d\u00fcrften sich angesichts der Gefahren gegen die Gemeinschaft der Opfer Geltung verschaffen und die ansonsten abverlangte Rationalit\u00e4t f\u00fcr einen Moment vergessen machen. Und nicht zuletzt l\u00e4sst sich ein Adressat der Forderungen nach Ausschluss und Bestrafung der Feinde ausmachen. F\u00fcr die Abwehr &#8222;des B\u00f6sen&#8220; zeigt sich der Staat verantwortlich.<\/p>\n<p>Souver\u00e4ne Staatlichkeit und umsorgte Subjekte grundieren in idyllischer R\u00fcckbetrachtung die kurze Epoche wohlfahrtsstaatlicher Organisation des Sozialen, die in den Bev\u00f6lkerungsmeinungen bis heute fortwirkt. Die B\u00fcrger halten in ihren Einstellungen zum Staat und seinen Institutionen, zur Selbstsorge und zur Kriminalit\u00e4t mehrheitlich an den Ideen vergangener Zeiten fest.<\/p>\n<p>Als auff\u00e4llig und skandal\u00f6s m\u00f6gen die marktgesellschaftlichen Begriffe von einer kritisch-informierten Minderheit wahrgenommen werden. Der neoliberale Umbau der Verh\u00e4ltnisse erscheint der Bev\u00f6lkerung in weiten Teilen schlicht zu entgehen, als dass man sich dar\u00fcber erregen k\u00f6nnte. Dieses Beharrungsverm\u00f6gen, mit dem wohlfahrtsstaatliche Gerechtigkeits- und Inklusionsideen hochgehalten werden, geht auf tief verankerte Sicherheitsmentalit\u00e4ten zur\u00fcck, die sich in der wohlfahrtsstaatlichen Epoche ausgebildet haben und dem neuen Wind der Neoliberalisierung (noch) trotzen.<\/p>\n<p>Mit Feinderz\u00e4hlungen lassen sich jedoch diese ansonsten stabilen Sicherheitsdispositionen f\u00fcr neue kriminalpolitische Strategien \u00f6ffnen. Einfallstore f\u00fcr eine neoliberalisierte Risikopolitik k\u00f6nnen mit den Figuren des Kindersch\u00e4nders und des fremden Terroristen hergestellt werden. Sie haben den strategischen Vorteil, eine gro\u00dfe Opferidentifikation hervorzurufen, mit der wohlfahrtsstaatliche Vorstellungen einer sozialen Bedingtheit und resozialisierenden Behandlung von Kriminalit\u00e4t leicht aufgebrochen werden zugunsten eines imaginierten sozialen Reinheitszustandes \u00fcber r\u00fcckhaltlosen Ausschluss gesellschaftlicher Feinde. Damit entfalten diese Figuren die \u00dcberzeugungskraft, mit der ein Sicherheitsstrafrecht installiert werden kann.<\/p>\n<p>Einstweilen aber kann Entwarnung gegeben werden: Kriminalit\u00e4t geh\u00f6rt zum politischen und medialen Dauerbrenner, und auch die Bev\u00f6lkerung erregt sich moralisch \u00fcber diese Feindfiguren, aber ein lebensweltliches Problem &#8218;Innere Sicherheit&#8216; gibt es bislang nicht.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[21],"autoren":[],"class_list":["post-96","termin","type-termin","status-publish","hentry","tag-hamburg-termine"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wach- &amp; Schlie\u00dfgesellschaft Deutschland. 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